Eine Blüte der Synthese von Architektur und Musik entstand in der Renaissance. In dieser Zeit setzten sich Theoretiker, Architekten, Künstler und Musiker mit diesem Kontext auseinander. Für Leon Battista Alberti (1404-1472) ist "die Schönheit eine gewisse Übereinstimmung und ein Zusammenklang der Teile zu einem Ganzen gemäß einer bestimmten Zahl, Proportion und Ordnung, so wie es das absolute und oberste Naturgesetz fordert: Die Zahlen aber, welche bewirken, daß jenes oberste Naturgesetz der Stimmen erreicht wird, welches den Ohren so angenehm ist, sind die selben, die es zustande bringen, daß unsere Augen und unser Inneres mit wunderbarem Wohlgefühl erfüllt werden." Die auf kosmischen Prinzipien beruhende Gesetzmäßigkeit, in der für Alberti und Palladio die Harmonie festgehalten ist, verkümmert in der Mehrzahl der nun sich häufenden theoretischen Abhandlungen über Architektur zu einem starren System von Proportionsregeln, das die Erzeugung von Schönheit garantieren soll. Diese Regeln bezogen sich hauptsächlich auf die Säulenordnungen, in denen das Ordnungsprinzip
der Architektur schlechthin gesehen wurde. Die Bedeutung der Säulenordnung wird einerseits von der Natur, vor allem dem menschlichen Körper, abgeleitet und nach Vitruv in Analogie zu dessen Proportionen gesetzt, andererseits liefern antike Gebäude die Vorbilder. Schließlich wird auf die Säulenordnung und ihre Proportionierung auch das Gesetz musikalischer und anderer Zahlenverhältnisse angewandt. Der Tempio Malatestiano in Rimini (1450) ist konsequent nach musikalischen Zahlenverhältnissen
proportioniert. Wahrscheinlich 1455 entstand die Fassade des Palazzo Rucellai in Florenz. Paul von Naredi-Rainer merkt in seinem Buch 'Architektur und Harmonie' dazu an: "Im Gegensatz zu den betont einfachen Proportionen des Tempio Malatestiano, die im wesentlichen auf den Zahlenverhältnissen von Oktave und Quinte beruhen, hat Alberti an der Fassade des Palazzo Rucellai alle übrigen Intervall-Verhältnisse zu einem kunstvollen Proportionsgefüge verknüpft. Der Kontrast zwischen den elementaren Proportionen des Tempio Malatestiano und den höchst differenzierten der Rucellai-
Fassade scheint die Vielfalt der in musikalischen Zahlenverhältnissen gegebenen
Proportionierungsmöglichkeiten geradezu programmatisch vorzustellen.“ Doch Töne und Tonfolgen sind keine statischen Erscheinungen sondern Zeitphänomene. Die
Renaissance-Architektur wollte nicht, auch wenn das jetzt so scheinen mag, einfach nur Umsetzung musikalischer Harmonien sein, sondern sich durchaus nach eigenen, architektonischen Gesetzmäßigkeiten der musikalischen Zahlenverhältnisse bedienen.